6-monatiges Seminar von Wolfgang Zurborn an der Lichtblick School
Juli bis Dezember 2025

Cover des Seminarkataloges The Theatre of Real Life vol. 27, Foto: Max Iris
mit Arbeiten von / with works by;
Jonas Walter, Max Iris, Stephan Monreal, Sascha Zeitz,
Oliver Hall, Andreas Ott und Susanne Christ
Ein wahrhaftiges Bild unserer Lebenswelt kommt mit fotografischen Mitteln gerade dann ausdrucksstark zur Geltung, wenn es aus vielen gegensätzlichen Perspektiven zusammengesetzt ist. Keine einheitliche Betrachtungsweise nivelliert dann subjektive Empfindungen auf konventionelle Wahrnehmungsmuster, die fälschlicherweise für eine eindeutige Wirklichkeit gehalten werden. Ein wesentliches Kriterium für das Medium der Fotografie liegt in ihrem Bezug zur Realität, aber gerade deshalb ist es wichtig, diesen bei jedem fotografischen Projekt neu zu hinterfragen. Jenseits des Anspruchs, eine objektive Sicht auf die Welt zu vermitteln, geht es darum, fotografische Positionen zu entwickeln, die die ganz individuellen Perspektiven, basierend auf einem tiefen Verständnis für die eigene künstlerische Haltung, pointiert formulieren.
Die Arbeiten der Teilnehmer*innen des Fotoseminars "The Theatre of Real Life" in diesem Katalog fügen sich zu einem sehr vielschichtigen Entwurf einer Jetztzeit zusammen, die geprägt ist von der Auflösung gewohnter Ordnungen und Wertvorstellungen. Die Betrachter*innen der verschiedenen Serien können sich nicht ausruhen in konventionellen fotografischen Narrativen, sondern werden immer wieder gefordert, in den Gegensätzen von Übersicht und Chaos, Öffentlichem und Privatem, Bühne und Alltag, eine eigene Orientierung zu finden.
A true picture of our lived world is conveyed most powerfully through photography precisely when it is composed of many contrasting perspectives. No single viewpoint then reduces subjective experiences to conventional patterns of perception that are mistakenly taken for an unambiguous reality. A key criterion for the medium of photography lies in its relationship to reality, but it is precisely for this reason that it is important to re-examine this relationship in every photographic project. Beyond the claim to convey an objective view of the world, the aim is to develop photographic positions that articulately express highly individual perspectives, based on a deep understanding of one’s own artistic stance.
The works by the participants in the photography seminar “The Theatre of Real Life” in this catalogue come together to form a highly multi-layered portrayal of the present day, a time characterised by the dissolution of familiar orders and values. Viewers of the various series cannot rest on their laurels with conventional photographic narratives, but are repeatedly challenged to find their own bearings amidst the contrasts of clarity and chaos, public and private, stage and everyday life.

Jonas Walter Public Viewing
Von der Sehnsucht nach Entrückung aus den Wirrungen alltäglichen Lebens auf der Erde erzählt die Serie Public Viewing von Jonas Walter. Aus der Vogelperspektive erscheint für ihn die Welt in einer klareren Ordnung. Das Fotografieren mit einer Drohne ermöglicht ihm eine völlig neue Betrachtungsweise seines Lebensumfeldes. Der ungewöhnliche Blickwinkel lässt eine Abstraktion entstehen, die die Darstellung der abgebildeten Orte in einen Schwebezustand zwischen Dokument und Imagination versetzt. Die Choreografie der menschlichen Körper bildet bei den vorrangig an Sportstätten entstanden Aufnahmen eine wesentliche Rolle, da erst ihre Reibung mit den grafisch streng komponierten Bildräumen ein vielschichtiges Narrativ entstehen lässt.
Jonas Walter’s series Public Viewing explores the longing to escape the turmoil of everyday life on Earth. From a bird’s-eye view, the world appears to him to be arranged in a clearer order. Photographing with a drone allows him to view his surroundings from a completely new perspective. This unusual perspective creates an abstraction that places the depiction of the locations in a state of limbo between documentary and imagination. The choreography of human bodies plays a key role in the photographs, which were primarily taken at sports venues, as it is only through their interplay with the graphically rigorous composition of the image spaces that a multi-layered narrative emerges.

Max Iris The Battle For Meaning
Mit den Fotografien der Serie The Battle For Meaning stürzt uns Max Iris dagegen mitten in turbulente Szenerien des Alltäglichen. Dem Overkill an Botschaften und Verlockungen, die permanent auf den Menschen einwirken, begegnet der Fotograf mit einer unverblümten Direktheit. Sein Blitzlicht wirkt wie ein Seziermesser, das aus dem Strom von Eindrücken Gesichter, Gesten und Objekte so aus dem Zusammenhang herauslöst, daß sie ihre ganz eigene dramatische Wirkung entfalten können. Hier wird kein entscheidender Augenblick gesucht, in dem sich alle Bildelemente zu einer homogenen Geschichte ergänzen. Es sind vielmehr Fragmente des Gegenwärtigen, die sich aneinander reiben und trotzdem einen Rhythmus in der Sequenzierung finden, der sie auf merkwürdige Weise zusammenführt.
In contrast, with the photographs from the series The Battle For Meaning, Max Iris plunges us into the midst of the turbulent scenes of everyday life. The photographer counters the barrage of messages and temptations that constantly bombard people with a blunt directness. His flash acts like a scalpel, isolating faces, gestures and objects from the stream of impressions in such a way that they can unfold their own unique dramatic effect. Here, no decisive moment is sought in which all the pictorial elements complement one another to form a homogeneous narrative. Rather, they are fragments of the present that clash with one another yet nevertheless find a rhythm in their sequencing that brings them together in a curious way.

Stephan Monreal Von Kulissen und Komparsen
In Stephan Monreals urbanen architektonischen Räumen der Serie Von Kulissen und Komparsen tritt der Mensch zwar etwas mehr in den Hintergrund, aber er spielt trotzdem eine wichtige Rolle in dem hier vorgestellten Bild der Stadt. Eine eigenwillige Kadrierung der Räume, die Abstraktion in der Darstellung städtischer Szenerien und die theatrale Wirkung von Licht und Farbe lassen Parkhäuser, U-Bahn-Haltestellen und Straßenszenen zu kulissenhaften Bühnenbildern des Alltags mutieren, wobei Passanten wie Komparsen eines Theaterstück wirken. Die Präsentation der Fotografien in unterschiedlichen Formaten, als Einzelbilder und als stoß an stoß zusammengefügte Bildpaare macht deutlich, dass es dem Fotografen nicht um eine sachlich dokumentarische Auflistung von Stadtarchitektur geht, sondern um die Formulierung einer individuellen Empfindung von Urbanität mit all ihren vielschichtigen Strukturen.
In Stephan Monreal’s urban architectural spaces from the series Of Backdrops and Extras, people may recede somewhat into the background, but they nevertheless play an important role in the image of the city presented here. An unconventional framing of the spaces, the abstraction in the depiction of urban scenes, and the theatrical effect of light and colour transform car parks, underground stations and street scenes into stage-like backdrops of everyday life, with passers-by appearing as extras in a play. The presentation of the photographs in various formats—as individual images and as pairs joined end-to-end—makes it clear that the photographer is not concerned with a factual, documentary listing of urban architecture, but rather with articulating an individual sense of urbanity with all its multi-layered structures.

Sascha Zeitz Close Encounters
Zu einem verlockenden Labyrinth aus architektonischen Fragmenten, rätselhaften Zeichen, alltäglichen Objekten sowie expressiver Gestik und Mimik der Menschen im urbanen Chaos verdichten sich die Bilder der Serie Close Encounters von Sascha Zeitz. Hier ist jegliche Distanz aufgehoben, so dass man dem Treiben in den Straßen und auf den Plätzen der Städte im wahrsten Sinne hautnah begegnet. Unkonventionelle Perspektiven und eine kräftige Farbigkeit lassen in den hochformatigen Fotografien eine höchst eigenwillige Stilistik erkennen, die zugleich hyperreal und der Wirklichkeit entrückt wirkt. Durch die körperliche Präsenz der Protagonist*innen erscheinen die abgebildeten Szenerien in hohem Maße energetisch aufgeladen. Diese Spannung kann sich gerade deshalb entwickeln, weil keine einfach erklärbaren Geschichten erzählt werden, sondern hintersinnige Einblicke in Alltägliches sich zu einem geheimnisvollen Fluß der Bilder zusammenfügt.
The images in Sascha Zeitz’s Close Encounters series coalesce into an enticing labyrinth of architectural fragments, enigmatic symbols, everyday objects, and the expressive gestures and facial expressions of people amidst urban chaos. Here, all sense of distance is eliminated, allowing the viewer to experience the hustle and bustle of city streets and squares up close in the truest sense of the word. Unconventional perspectives and bold colours reveal a highly idiosyncratic style in these portrait-format photographs, which appear both hyper-real and detached from reality. The physical presence of the protagonists imbues the depicted scenes with a powerful sense of energy. This tension arises precisely because no easily explainable stories are told; instead, subtle insights into everyday life coalesce into a mysterious flow of images.

Oliver Hall Privat
Einen starken Kontrast zur urbanen Vitalität, bildet die aufgeräumte Welt der Vorstadt in den dokumentarischen Fotografien der Serie Privat von Oliver Hall. Der amerikanische Soziologe Richard Senett hat in seinem Buch "Verfall und Ende des öffentlichen Lebens: Die Tyrannei der Intimität" schon 1986 die zunehmende Abkoppelung der Privatsphäre von den Belangen des Gemeinwesens beschrieben. Dieser Rückzug in eine gesicherte private Welt, die sich komplett von einem öffentlichen Leben ablöst, ist auch das zentrale Motiv der Arbeit von Oliver Hall. In seinen Aufnahmen kommt die hermetisch anmutende Gestaltung einer Siedlung am Stadtrand signifikant zur Geltung. Mit heruntergelassenen Rolläden und hinter oft martialisch wirkenden Zäunen erscheinen die Wohnhäuser wie Festungen, in der die Menschen Schutz suchen vor allem, was ihre Vorstellungen von einem geordneten Leben in Frage stellen könnte.
The tidy world of the suburbs in Oliver Hall’s documentary photographs from the series Privat stands in stark contrast to urban vitality. As early as 1986, the American sociologist Richard Sennett described the increasing disconnection of private life from the concerns of the community in his book "The Decline and Fall of Public Life: The Tyranny of Intimacy". This retreat into a secure private world, completely detached from public life, is also the central theme of Oliver Hall’s work. In his photographs, the seemingly hermetic design of a housing estate on the outskirts of town is brought into sharp relief. With shutters drawn and behind fences that often appear menacing, the houses resemble fortresses in which people seek shelter from anything that might challenge their notions of an orderly life.

Andreas Ott So ist das Leben
Einen anderen Blick auf das Private kommt in den S/W-Fotografien der Serie So ist das Leben von Andreas Ott zum Ausdruck. Der Titel verdeutlicht schon, dass er dem Medium vertraut, mit einem ganz persönlichen Blick authentische Zeugnisse eines familiären Zusammenlebens schaffen zu können. Somit ist es für ihn wichtig, dass nichts für die Kamera inszeniert wird und auch keine spektakulären Ereignisse in den Fokus der Betrachtung gerückt werden. Es sind vielmehr ganz beiläufige, flüchtige Momente, in denen seine Kinder als Hauptdarsteller seiner Bildgeschichte in Erscheinung treten. Hier handelt ein Vater mit großer Sensibilität gegenüber der Erlebniswelt seiner Kinder, weil er nichts erzwingen oder beweisen will, sondern mit großer Geduld Situationen und Augenblicke aufspürt, in denen mit Leichtigkeit emotionale Zustände erfahrbar gemacht werden.
A different perspective on private life is expressed in the black-and-white photographs of Andreas Ott’s series That's life. The title itself makes it clear that he trusts the medium to create authentic records of family life through a deeply personal lens. It is therefore important to him that nothing is staged for the camera, nor are any spectacular events brought into the focus of the viewer’s attention. Rather, it is entirely casual, fleeting moments in which his children appear as the protagonists of his visual narrative. Here, a father acts with great sensitivity towards his children’s world of experience, because he does not wish to force or prove anything, but instead, with great patience, seeks out situations and moments in which emotional states can be experienced with ease.

Susanne Christ Erdbeereis geht immer...
Erdbeereis geht immer … Dieser Titel der Serie von Susanne Christ lässt schon ahnen, dass auch hier Kinder eine Rolle spielen. Mit dem assoziativen Zusammenspiel ganz unterschiedlicher Bildwelten verlässt die Fotografin hier aber die Linearität eines klassischen Narrativs. Momentaufnahmen von Kindern in Aktion werden collagenartig mit Texturen von Hand- und Fußabdrücken geschichtet, ein Stillleben mit Fernglas steht einem Blumenstrauß gegenüber und ein Strandbild weckt die Sehnsucht nach der Ferne. Gerade in der paradoxen Interaktion der Fotografien, die keiner offensichtlichen Logik folgt, liegt die spielerisch poetische Kraft der Bildsequenz. In einer Welt voller aufkeimender Dogmen wird es immer wichtiger, eine künstlerische Haltung zu bewahren, die offen ist für eine multiperspektive Sicht auf das, was uns umgibt. Nur auf diese Weise kann ein wertschätzendes Verständnis für die Vielfalt subjektiver Perspektiven entwickelt werden.
Strawberry ice cream is always a hit … The title of Susanne Christ’s series already hints that children play a role here too. However, through the associative interplay of very different visual worlds, the photographer departs here from the linearity of a classical narrative. Snapshots of children in action are layered in a collage-like manner with textures of hand and footprints; a still life featuring binoculars stands opposite a bouquet of flowers; and a beach scene evokes a longing for distant places. It is precisely in the paradoxical interplay of the photographs, which follows no obvious logic, that the playfully poetic power of the sequence of images lies. In a world full of burgeoning dogmas, it is becoming increasingly important to maintain an artistic stance that is open to a multi-perspective view of what surrounds us. Only in this way can an appreciative understanding of the diversity of subjective perspectives be developed.